Wie du ohne Lehrbuch einzigartigen Unterricht ablieferst

Ohne Lehrbuch einzigartig unterrichten

Ein Gastbeitrag von meiner lieben Freundin Christine

An dieser Frage scheiden sich die Geister – welcher Unterricht ist besser, moderner, erfolgreicher: Der Unterricht mit Lehrbuch oder der ohne Lehrbuch? Ich persönlich unterrichte in all meinen Italienischkursen komplett ohne Lehrbuch, allerdings muss ich zugeben, dass diese Unterrichtsform weder für alle Lehrer noch für alle Lerner geeignet ist. Wir sprechen hier auch nicht von Schulklassen mit 30 oder mehr Schülern, sondern – wie in meinem Fall – beispielsweise von Sprachkursen mit 6 bis 14 erwachsenen Lernern.

Was sind die Nachteile des Unterrichtens ohne Lehrbuch?

1. Nicht alle Lerner haben die gleiche Ausgangsbasis

Wenn du als Lehrer ohne Lehrbuch arbeitest, bist du sehr auf eine homogene Lerngruppe angewiesen. Nicht jeder weiß, was ein Indefinitpronomen oder ein Possessivbegleiter ist. Dann bist du als Lehrer gefragt. Wenn deine Schüler etwas nicht verstehen und nicht die Möglichkeit haben, alles nachzuschlagen, dann musst du es ihnen erklären. (meine Lösung: ich beobachte die Lerner genau und erkläre viel)

2. Bei Abwesenheit fehlen Arbeitsmaterialien

Wenn ein Lerner keine Zeit hatte, am Kurs teilzunehmen – und das kommt bei Erwachsenenkursen sehr häufig vor! -, dann kann der Lerner nicht einfach den Stoff nacharbeiten, denn ihm fehlen ja die Informationen, was im Unterricht behandelt wurde. (meine Lösung: ich versende die Informationen und das fehlende Material per Mail)

3. Ohne Lehrbuch hast du keine Struktur

Ein Lehrbuch gibt dir sehr genau die einzelnen Lern- und Lehrschritte vor. Wenn du ohne Buch arbeitest, fehlt dir diese Struktur vielleicht. Du musst also selbst dafür sorgen, dass du und auch deine Lerner den Überblick behalten. (meine Lösung: ich schreibe mir sehr detaillierte Unterrichtspläne)

4. Du musst viel zu Hause vorbereiten

Keine Frage: Wenn du ohne Lehrbuch arbeitest, wirst du sehr viel Zeit für Vorbereitung und Recherche aufwenden müssen. Du musst deine Materialien häufig selbst schreiben, du musst deine Unterrichtspläne verwalten und du solltest auch die Zeit für Recherchearbeiten nicht unterschätzen. (meine Lösung: ich nutze ein sehr gut funktionierendes Organisationssystem aus Evernote und Trello)

5. Materialerstellung ist kostenintensiv

Mit einem Buch zu arbeiten ist günstig. Du kaufst dir das Buch und das Begleitmaterial und bist damit bestens versorgt. Wenn du deine Materialien selbst erstellst, brauchst du nicht nur einen Computer und Drucker, sondern wirst auch viel Geld für Druckerpatronen, Papier und ähnliche Dinge ausgeben. (meine Lösung: meine Schüler zahlen ein bisschen Kopiergeld)

6. Du brauchst ein Händchen für gutes und verständliches Material

Dir und vor allem deinen Schülern hilft es überhaupt nicht weiter, wenn du nicht in der Lage bist, verständliche Arbeitsblätter zu schreiben. Du kannst den italienischen Congiuntivo nicht auf einer Seite zusammenfassen? Dann brauchst du auch kein Arbeitsblatt zu schreiben. Wenn du zu kompliziert denkst und schreibst, verstehen dich die Lerner nicht. (meine Lösung: ich schreibe meine Arbeitsblätter so, dass auch Anfänger sie verstehen würden)

7. Die Qualität und Sprachkenntnisse sind nicht objektiv überprüfbar

Dieser Punkt fügt sich nahtlos an den vorherigen an. Was ist „gutes Material“? Die Qualität ist objektiv ja nicht geprüft und hängt sehr vom Lehrer, seiner Erfahrung, seiner Fachkenntnis und nicht zuletzt seinem Engagement ab. Hier trennt sich dann die Spreu vom Weizen. Ähnlich sieht es bei den erworbenen Sprachkenntnissen der Schüler aus: Sind diese überhaupt objektiv beurteilbar? (hier gibt es keine Lösung. Allerdings brauchen viele Lerner keine objektive Beurteilung der Kenntnisse. Und wenn dein Material nicht gut ist, besucht bald niemand mehr deinen Kurs)

8. Die Lerner haben keine Nachschlagelisten

Den Lernern fehlen Grammatik- und Vokabellisten, so wird das Nachschlagen von Basiswissen schwierig. (meine Lösung: bei Bedarf werden Nachschlagelisten erstellt, für die Vokabeln werden die Schüler angehalten, ein Vokabellernsystem – online oder offline – zu nutzen)

9. Lernorganisation

Manche Lerner haben große Probleme damit, Lernmaterialien sinnvoll abzulegen. (meine Lösung: dafür machen andere Schüler oder ich Vorschläge)

Die Vorteile überwiegen eindeutig

Dennoch überwiegen meiner Meinung nach bei weitem die Vorteile, vor allem weil ich für viele Nachteile Lösungen gefunden habe.

1. Freie Entscheidung und Flexibilität

Wenn du ohne Lehrbuch unterrichtest, entscheidest du selbst, eventuell sogar zusammen mit deinen Schülern, wann welche Themen im Unterricht behandelt werden. Dadurch fühlen sich die Lerner ernst genommen und du gehst genau auf ihre Bedürfnisse ein.

2. Das Internet ist eine unerschöpfliche Quelle an Material

Das Internet bietet eine Fülle von Materialien, vor allem wenn Lerner an Land und Leuten interessiert sind. Auch im Anfängerbereich kannst du schon mit authentischem Material arbeiten.

3. Bessere Berücksichtigung der Lerntypen und der Lehrpersönlichkeit

Ohne Lehrbuch kannst du viel besser auf die Lerntypen deiner Schüler eingehen, kannst die einzelnen Bedürfnisse besser berücksichtigen und kannst auch deine eigene Persönlichkeit stärker einbringen. Das macht dich authentisch und glaubhaft. Auch hier fühlen sich die Lerner ernstgenommen, weil sie das Gefühl haben, du richtest dich nach ihnen.

4. Situative Grammatikvermittlung und Wiederholungen

Ich bin ein großer Anhänger davon, Grammatik dann zu vermitteln, wenn man sie braucht. Warum sollte ich den Subjonctif im Französischen lernen, wenn ich ihn nie brauche? Ich finde eine Kombination von Situation und Grammatikthema – soweit möglich – sehr sinnvoll, wie beispielsweise: Uhrzeiten und Kinoprogramm, Adjektive und Personenbeschreibungen, Präpositionen und Wegbeschreibungen, Possessivbegleiter und Familienangehörige… Außerdem kannst du immer wieder Wiederholungen einbauen. In meinen Kursen wurden vor einigen Wochen die Sternzeichen behandelt, bei dieser Gelegenheit wiederholten wir das Datum (Geburtstage), die Familienangehörigen, die Possessivbegleiter und die Jahreszahlen.

5. Konzentration auf wichtige Themengebiete

Natürlich ist das von Kurs zu Kurs unterschiedlich. Warum aber sollte ein Kurs Autovokabular lernen, wenn es niemanden interessiert? Warum sollten sich die Lerner mit Tieren im Zoo beschäftigen oder mit Zugreisen, wenn es für deren Leben überhaupt nicht relevant ist? Sicherlich gibt es Themenbereiche, die unbedingt vermittelt werden sollten, aber manchmal ist „Mut zur Lücke“ nicht so schlecht. Dies gilt übrigens sowohl für Wortschatz als auch für Grammatik.

6. Weniger Langeweile

Häufig sind Lehrbücher von der Institution vorgegeben – sie sind veraltet und entsprechen nicht dem modernen Standard des Lernens, außerdem sind Übungen enthalten, die sinnfrei sind. Arbeitsanweisungen werden von Schülern häufig nicht verstanden. Der Buchaufbau ist manchmal kompliziert und muss erst erklärt werden. Das alles trägt natürlich nicht unbedingt dazu bei, dass gerne mit diesem Buch gearbeitet wird. Daher denke ich, dass das Lehren ohne Buch wesentlich interessanter ist, vor allem weil es praxisbezogener ist und den Lerner persönlich anspricht.

Mein Fazit

Keine Frage: Die Beurteilung, ob guter Unterricht mit oder ohne Lehrbuch stattfindet, steht und fällt mit dem Lehrer. Kein Unterricht wird interessant, wenn der Lehrer den Lernstoff auf langweilige Art und Weise, ob mit oder ohne Lehrbuch, vermittelt. Also brauchen wir engagierte, begeisterte Lehrkräfte, die sich das Unterrichten auf den Leib geschrieben haben und leidenschaftlich ihrem Beruf (oder vielleicht ihrer Berufung?) nachgehen. Dann ist es fast schon nebensächlich, ob das mit oder ohne Lehrbuch passiert. Die Rückmeldung der meist sehr kritischen Erwachsenen weist den Weg meist von selbst.

Mein Rat ist allerdings: Lehre so, dass du authentisch und du selbst bleibst. Sei mit Begeisterung bei der Sache und stehe hinter dem, was du tust. Diese Begeisterung wird sich übertragen und der Unterricht wird für alle – für dich als Lehrer und auch für deine Schüler – sehr befriedigend werden.

Das wünsche ich dir!

Herzliche Grüße,

Christine

 

Christine Konstantinidis unterrichtet Italienisch. Auf ihrem Blog “Erfolgreiches Sprachenlernen” beschreibt sie Wege, wie Sprachschüler schneller, bequemer und einfacher ihre Zielsprache lernen können.

 

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