Mit Deutsch für Flüchtlinge in eine bessere Zukunft

Deutsch für Flüchtlinge

Ist Deutsch für Flüchtlinge schwierig zu unterrichten oder eher eine Chance von konventionellen Unterrichtsmethoden wegzukommen?

Nachdem ich meinen Blog online gestellt hatte, bekam ich eine Nachricht von Knut. Er fragt, ob ich ihm helfen kann, denn er hat begonnen als Laie Deutsch für Flüchtlinge zu unterrichten. Flüchtlingshilfe ist ein aktuelles Thema und viele da draußen fragen sich, wie sie helfen können. Ich frage mich, ob der Staat den Deutschunterricht für Flüchtlinge auf irgendeine Weise organisatorisch und finanziell unterstützt oder gar fordert.

Voller Vorfreude treffe ich mich also mit Knut. Nach einem interessanten Kennenlerngespräch beantwortet Knut alle meine Fragen. Es wird spannend.

Interview mit Knut, einem freiwilligen Helfer für Flüchtlinge

Knut, wie bist du auf die Idee gekommen Deutsch für Flüchtlinge zu unterrichten. Was war dein Antrieb?

Das war ein spannendes Thema insgesamt, denn ich wollte generell etwas mit Flüchtlingen machen. Und dachte mir, ich sollte am besten das machen, was sonst keiner macht bzw. helfen, wo Bedarf ist. Da habe ich erst einmal bei meiner Kirchengemeinde nachgefragt, da kam aber keine Rückmeldung. Dann habe ich mein Anliegen in meinem Netzwerk über Facebook signalisiert. Freunde von mir haben mich angesprochen und gefragt, ob ich einem afghanischen jungen Mann helfen kann, der weder schreiben noch lesen kann. Er ist vollständiger Analphabet. Aber er wurde in einem Integrationskurs aufgenommen, der das Schreiben voraussetzt. Und in meiner grenzenlosen Hybris habe ich sofort zugesagt.

Der 16-jährige ist hoch motiviert, kommt aber aufgrund dieser Hindernisse nur langsam voran. Da ich zur Zeit auf Jobsuche bin und viel Zeit habe, habe ich mich des Projekts angenommen. Ich dachte mir, ich helfe nicht nur ihm, sondern fordere mich selbst mal ordentlich heraus.

Knut, arbeitest du für eine Organisation, die Deutsch für Flüchtlinge unterstützt? Oder hast du eine Idee, ob solche Projekte vom Staat oder privaten Institutionen überhaupt angeboten werden?

Ich arbeite für keine Organisation. Ich bin von Freunden gefragt worden und habe mich daraufhin mit dem jungen Mann getroffen.

Was den Leser sicherlich interessieren wird, ist die Frage, ob du für diese Arbeit Geld bekommst? Oder investierst du deine Zeit auf freiwilliger Basis?

Ich erhalte kein Geld, sondern mache das freiwillig. Auch finanziere ich mein Unterrichtsmaterial aus eigenen Mitteln, wobei mich meine Freunde teilweise dabei unterstützen.

Bei der Flüchtlingshilfe kann wirklich jeder mithelfen. Gebraucht werden Menschen mit diversen Know-Hows, aber nicht nur. Wie sieht es bei dir aus, hast du eine Ausbildung in Richtung DaF Unterricht absolviert?

Dank meiner Ausbildung und den bisherigen Tätigkeiten als Produktmanager im IT-Bereich bin ich es gewohnt, Projekte von der picke an zu starten, zu leiten und Leute auszubilden. Aber im Bereich Deutschunterricht habe ich keine Erfahrungen. Ich gehe dieser Tätigkeit mit voller Freude, hoch motiviert und gleichzeitig als kompletter Laie nach.

Das heißt du versuchst aus deinen Kompetenzen als Produktmanager das Nützlichste rauszuholen und verbindest dein Know-How mit dem Deutschunterricht für Flüchtlinge.  Erzähl dem Leser etwas über die Gruppe, die du mittlerweile unterrichtest. Was sind das für Menschen?

Mit dem ersten jungen Mann habe ich mich in einer Bibliothek getroffen. Nach und nach haben andere afghanische Flüchtlinge davon Wind bekommen und mittlerweile sind wir zu Sechst, also 5 Schüler und ich. Drei von ihnen sind im jungen Alter zwischen 16-17, die anderen sind Erwachsen. Einer ist sogar Arzt, der hier seine Zulassung erhalten möchte.

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In welcher Sprache kommunizierst du mit ihnen? Nur in Deutsch?

Das ist eine wirklich interessante Angelegenheit. Anfangs konnten wir uns nur in Englisch verständigen. Heute ist es wesentlich einfacher, weil sie die Grundlagen verstehen. Mein Ziel ist es so bald wie möglich nur noch Deutsch mit meinen Schülern zu sprechen. Momentan sind wir bei etwa 60/40. Das heißt 60% Englisch und 40% Deutsch. Man muss bedenken, dass der Unterricht sehr langsam verläuft, weil einige von ihnen erst schreiben und lesen lernen müssen. Glücklicherweise spricht der Arzt bereits etwas Deutsch und kann uns als Übersetzer zur Seite stehen.

Wie oft in der Woche unterrichtest du? Wie lange? Wie viele Stunden?

Ich unterrichte seit ca. 4 Wochen etwa 4 Stunden pro Tag. Manchmal auch an den Wochenenden. Ich setze den Unterricht lediglich aus, wenn ich etwas Wichtiges zu erledigen habe.

Deutsch für Flüchtlinge birgt sicherlich viele Herausforderungen. Welche sind für dich am spannendsten?

Grundsätzlich ist der Analphabetismus natürlich eine nicht einschätzbare Herausforderung. So weit ich das mitbekommen habe, ist diese Sprache mit einer phonetischen Schrift versehen. Das Schriftkonzept ist dem Lateinischen sehr ähnlich, nur mit anderen Schriftzeichen. Ich stand also vor dieser Situation und fragte mich, was ich jetzt mit den Schülern machen könnte.

Bei der Vorbereitung stellte ich fest, es gibt eine Menge zu lernen. In meiner ersten Stunde habe ich den Schülern auf Linienpapier den Buchstaben E in Großbuchstaben beigebracht. Nach zwei Stunden war ich völlig enttäuscht, weil es so aussah, als würde es ewig dauern. Also habe ich angefangen scharf nachzudenken. Mir wurde recht schnell das Paradox klar, dass man eine phonetische Schrift nicht ohne Sprache unterrichten kann. Einer der jungen Männer sitzt aber schon im Integrationskurs. Das heißt, wir haben nicht so viel Zeit.

Der andere kannte das Prinzip Sprache bereits und tat sich wesentlich leichter. Der dritte ist einfach aus Interesse dabei geblieben.

Knut beim Deutschunterricht

In einer nahe gelegenen Grundschule habe ich vor ein paar Tagen eine Deutschlehrerin interviewt. Sie fragte, ob ich das wirklich machen wolle. Sie erzählte, es sei total schwierig, man würde ja auch nicht umsonst in dem Bereich ausgebildet werden. Da dachte ich jetzt erst recht! Aber sie gab mir auch den Tipp, dass es sinnvoller sei, erst die Sprache beizubringen und dann erst das Schreiben, da es andersherum keinen Sinn mache.

In der nächsten Stunde habe ich ihnen einzelne kurze Sätze aufgeschrieben und sie abschreiben lassen. Wir begannen mit der eigenen Vorstellung. Aber dann fiel mir auf, dass sie gar keine deutschen Namen haben. Wie löst du also das Problem? Ich gab ihnen einfach deutsche Namen in Andenken an meinen ersten Englischunterricht. Aber dann dachte ich, die müssen lernen ihren eigenen Namen schreiben zu lernen.

Dann habe ich so Sätze aufgeschrieben: Mein Name ist…. Da sie das Konzept Sprache begreifen müssen, fügte ich direkt die Antwort bei. Das hat dann schon besser geklappt. Das ist zunächst daran gescheitert, dass der dritte Analphabet ist. In der nächsten Stunde kam Shabu mit dazu. Da die Jungs drei Sprachen sprechen, darunter auch Persisch, ist sie eine Bereicherung für die Gruppe.

Nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass der Analphabet nicht versteht, wofür Buchstaben überhaupt da sind.

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Als vollständiger Analphabet verstehst du also nicht, was ein Wort bzw. ein Satz ist. Wie bist du als nächstes vorgegangen?

Ich überlegte, wie ich ihnen das Konzept Sprache auf natürliche Weise näherbringe. Eine Idee war Wörter zu nehmen, die Geräte darstellen. So konnten sie ein Wort mit einem Gegenstand verbinden. Das war aber auch noch nicht Gold. Als ich anfing die Wörter auf einzelne Karteikarten zu schreiben und auf die Geräte zu kleben, konnten sie die Wörter so zu sagen anfassen. Nach und nach entwickelte ich dieses System weiter. Jetzt sind wir dabei Sätze zu lernen, indem ich sie über Konversationen etabliere.

Mein Motto lautet: Dont bore people to death! Also wie mache ich das spannend?

Als nächstes habe ich mich gefragt, wie bringst du diese jungen Leute dazu lernen zu wollen? Ich meine sie sind schon motiviert und wollen auch. Aber wie bring ich sie dazu, ein persönliches Ziel zu verfolgen. Als Produktmanager muss ich mir für gewöhnlich Gedanken machen, wie ich Vertriebler motiviere. Das geht meistens nur über Geld. Da habe ich mich gefragt, was für drei junge Männer in diesem Alter wohl das Spannendste sei. Und nach einiger Überlegung wurde mir klar: Es sind Frauen! Also nutzte ich die biologischen Grundfunktionen.

Und wie hat diese Herangehensweise funktioniert? 

Die Jungs haben meine Erwartungen übertroffen, denn sie fingen an zu lesen und zu schreiben. Auch der Analphabet: Nach nur wenigen Wochen fängt er jetzt auch an zu schreiben.

Diese Deutschlehrerin sprach von einem Jahr. Darauf hatte ich keinen Bock. Mit dieser Motivationsleistung funktioniert das ganz gut.

Hast du Spaß am Deutschunterricht und was motiviert dich weiterzumachen?

Wenn wir 800000 Flüchtlinge aufnehmen, dann ist es die beste Investition in unsere Zukunft, diesen Menschen Deutsch beizubringen, sie mit Bildung zu versehen und zum Teil unserer Gesellschaft zu machen.

Die jungen Männer, die ich erlebe, sind hoch motiviert und weisen ein Höchstmaß an sozialer Kompetenz auf. Jetzt müssen wir diese Menschen mit Bildung, Ausbildung und Soft Skills versehen. Sie müssen lernen, wie eine demokratische Gesellschaft funktioniert. Und wenn wir nicht ganz blöd sind und diesen Menschen erfolgreich zeigen, wie man eine moderne Gesellschaft aufbaut, dann finden wir wunderbare Freunde für die Zukunft.

Auf der anderen Seite ist es ein enormes Absatzgebiet für die Wirtschaft.

Für mich persönlich ist es total aufregend, wenn ein Mensch, der noch nie geschrieben hat, dank meiner Hilfe das erste Mal seinen Namen schreibt.

Dein persönliches Statement an andere Sprachlehrer:

Ihr könnt Geld verdienen, aber beachtet, ihr habt hier die Möglichkeit eine ganze Zivilisation zu schaffen.

Möchtest du als Sprachlehrer Deutsch für Flüchtlinge unterrichten? Hier findest du ein paar hilfreiche Links zum Thema: Lehrbücher und Arbeitsmaterialien für den Deutschunterricht von Analphabeten und Asylanten:

“Erstorientierung und Deutsch lernen für Asyl Bewerber in Bayern” eine PDF-Datei vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

“Deutsch für Flüchtlinge”– Gemeinschaftsinitiative Equal-Sepa

“Ich will Deutsch lernen” – Deutscher Volkshochschul-Verband

Das AlphaPortal – Grundbildung und Alphabetisierung in Rheinland-Pfalz

Der Verlag Klett hat ein Lehrbuch herausgebracht: Alphamar – Wege in die Alphabetisierung für erwachsene Deutschlernende

Suchst du noch mehr Tipps für Quereinsteiger?

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